Netzathleten

Fußball in China

  • Nachdem sich mit Sandro Wagner der wahrscheinlich beste deutsche Stürmer aller Zeiten (er selbst hält sich ja bescheiden wie er ist nur für den aktuell besten deutschen Stürmer) auf ins Reich der Mitte gemacht hat, habe ich nicht lange gezögert und direkt beschlossen, diesem größten aller großen Idole unserer stolzen Kulturnation zu folgen. Nachdem ich nun vorerst meinen Lebensmittelpunkt nach Peking verlegt habe, war ich natürlich sehr neugierig auf die hiesige Fußballkultur. Nicht unbedingt, weil ich mir im Vergleich zu dem was wir in Deutschland oder speziell bei Union haben viel davon verspreche, sondern weil ich schlicht und einfach keine Ahnung davon habe, wie Fußball hier gelebt und im Stadion erlebt wird.

    Zudem war ich natürlich auch neugierig, was hinter dem Hype um die chinesische Superliga steckt. Viele werden es sicherlich mitbekommen haben, dass neben unserem Ausnahmestürmer Sandro Wagner auch andere Spieler von internationalem Rang und Namen ihren Weg in die hiesige Liga gefunden haben. So spielte bspw. ein Axel Witsel bis letzten Sommer noch für Tianjin Quanjian. Auch Spieler wie Tevez, Paulinho oder Renato Augusto waren oder sind hier angestellt und verdienen unfassbare Summen. Der Spiegel sprach im Zusammenhang mit der chinesischen Superliga mal vom teuersten Missverständnis der Welt. Das klang für mich schon mal vielversprechend!


    Dementsprechend habe ich vergangenen Sonntag die Chance genutzt mir das Spiel von Guoan Beijing gegen den FC Shenzhen anzuschauen. Ein paar Worte zum Heimverein, bei Guoan Beijing finden sich einige nicht unbekannte Gesichter. Zum einen steht dort der bereits erwähnte Renato Augusto auf dem Platz, zum anderen sitzt da ein gewisser Roger Schmidt auf der Trainerbank. Die durch Smog und Sandsturm komplett in grau gehüllte Stadtkulisse tat dann ihr übriges zum „Leverkusen Feeling“. Wie auch immer, Beijing Guoan hat einen famosen Start in die Saison hingelegt. Mit 8 Siegen aus 8 Spielen führt man die Tabelle vor dem absoluten Erzrivalen aus Shanghai an und das obwohl Beijing Guoan traditionell nicht unbedingt als der absolute Topverein in der 16 Mannschaften umfassenden Superliga gilt. Zwar gewann man zuletzt 2009 die Meisterschaft und steht regelmäßig am Saisonende im oberen Tabellendrittel, das internationale Geschäft wurde trotzdem recht häufig verpasst.


    Zum Spieltag an sich, die erste Herausforderung war tatsächlich der Ticketkauf und das obwohl das Spiel nicht mal annähernd ausverkauft war. So etwas wie einen offiziellen Ticketshop scheint man hier nämlich nicht zu kennen. Dementsprechend gab es entweder die Möglichkeit sich die Tickets auf einer an Viagogo erinnernden Plattformen zu besorgen oder sich direkt vorm Stadion von privaten(?) Ticketverkäufern übers Ohr hauen zu lassen. Hier ist es wohl unerlässlich hart zu verhandeln und am besten möglichst kurz vor Anpfiff den Ticketkauf zu tätigen, um den besten Preis zu bekommen. Da meine sprachlichen Fähigkeiten jedoch noch arg limitiert sind und ich außerdem frühzeitig im Stadion sein wollte, entschloss ich mich für den Onlinekauf. Da ich zum Zeitpunkt des Spiels noch nicht über die notwendigen mobilen Zahlungsmittel verfügte (die meisten Transaktionen im Alltag, selbst die am Kiosk, laufen hier über WeChat Pay), besorgte eine Freundin die Tickets. ~11€ für Plätze hinterm Tor. Da meine Begleitung sich dann leider verspätete, waren wir im Endeffekt erst kurz nach Anpfiff im Stadion, sodass ich vom drumherum im Stadion vor Anpfiff leider nicht viel mitbekommen habe. Dafür konnte ich umso mehr beobachten, was vor den Stadiontoren so vor sich ging.



    Bemerkenswert war sicherlich die Situation am Haupteinlass, der sich mehr oder weniger auf der Straße befand und wo immer wieder Autos wahlweise mitten in die Menschenmenge hineinmanövrierten oder einfach mitten auf der Straße stehen blieben und teilweise den Verkehr massiv behinderten. So müssen die Alpträume deutscher Ordnungshüter aussehen! (siehe Video)


    Im Stadion selbst bot sich dann zunächst ein fast schon überraschend vertrautes und dennoch interessantes Bild. Mir wurde bereits vorher von einem chinesischen Freund erzählt, dass die Fans von Guoan als die „leidenschaftlichsten“ in China gelten sollen. Und tatsächlich war da ein massiv supportender Block, der zwar etwas zivilisierter wirkte als deutsche Ultrakurven aber alles in allem nach dem gleichen Prinzip und ähnlicher Logik zu funktionieren schien. Die Unterschiede waren eher im Detail zu finden. So gab es zwar einen Capo mit Megafon, als leidenschaftlichen oder gar fast schon fanatischen Einpeitscher habe ich ihn aber nicht erlebt. Ehrlich gesagt habe ich ihn kaum wahrgenommen und trotzdem hat die Truppe 90 Minuten Dauersupport geliefert. Besonders abwechslungsreich oder einfallsreich waren die Gesänge dabei jedoch nicht und von spielbezogenem Support konnte ebenfalls keine Rede sein. So wurde sogar das 1:0 komplett ignoriert und einfach stur weitergesungen und gehüpft. Meine Begleitung kommentierte das mit einem überraschten „Die freuen sich ja gar nicht?!“. Persönlich werde ich sowas wohl auch nie verstehen. Ein gewisses Revierverhalten zeigte die Truppe dann auch als meine beiden Begleiter spontan entschlossen sich in deren Block zu stellen und mitzusupporten. Das war scheinbar nicht gern gesehen und wurde mit einer halbwegs zurückhaltend aber dennoch deutlich unfreundlichen Bemerkung, dass man doch kein echter Guoan Fan sei und den Block verlassen solle, quittiert. Was ich aber besonders interessant fand war, dass es über das Stadion verteilt insgesamt wenigstens vier supportende Gruppen gab, wobei jede komplett ihr eigenes Ding gemacht hat (siehe Video). Der Rest des Stadions blieb in Sachen Support komplett stumm.


    Was mich ebenfalls überraschte war das drumherum in der Pause und nach dem Spiel. Keine Werbung. Keine Musik. Und auch im Stadionrund hielten sich die Werbeaktivitäten in Grenzen. Außer einer digitalen Werbebande am Spielfeldrand war da nicht viel zu sehen. Beinahe „Fußball pur“ sozusagen. Das hatte ich in einem Land, wo selbst die Wanderwege in den Bergen mit kitschiger Klaviermusik beschallt und mit Plastikblumen und -laub „verschönert“ werden, am allerwenigsten erwartet. Amüsant hingegen war die „Polizei“ im Stadion. Hauptsächlich junge Frauen, die sich mitten in den Block setzen, teilweise ihr Make-Up nachschminkten und selber massig Fotos und Videos vom Spielgeschehen machten.



    Ach ja genau, Fußball wurde ja auch noch gespielt. Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt. Nach zwei frühen Toren war die Sache eigentlich schon gegessen und Beijing fuhr am Ende einen nie gefährdeten 3:0 Sieg ein (siehe Video). Zur allgemeinen Qualität des chinesischen Fußballs kann und möchte ich nach einem Spiel noch nichts sagen… aber die Darbietung erinnerte mich irgendwie an Jugendfußball. Ein vergleichsweise körperloses Spiel mit nur wenigen intensiven Zweikämpfen und praktisch ohne Fouls, taktisch eher unausgereift, relativ viele erfolgreiche Dribblings und einige wenige Spieler, die in ihren fußballerischen Möglichkeiten den anderen offensichtlich meilenweit überlegen waren. Man sieht es in der Spielzusammenfassung ganz gut, es war beinahe schon grotesk wie einfach Shenzhen mit Steilpässen, langen Bällen aus dem defensiven Mittelfeld oder Chipbällen in den Strafraum komplett auszuhebeln war.


    In jedem Fall ein interessanter Stadionbesuch mit einigen für mich persönlich interessanten und witzigen Erkenntnissen und Beobachtungen. Es hat zwar in den kommenden Monaten nicht die allerhöchste Priorität für mich aber ich werde sicherlich versuchen noch das ein oder andere Spiel auch in anderen Städten und Stadien zu besuchen und werde dann bei Gelegenheit und Interesse hier wieder einen kleinen Bericht schreiben.


  • Danke für den sehr interessanten und äh aufschlussreichen Bericht.


    Darf ich fragen, was es an kulinarische Angebote im Stadion gibt ? Und was trinken die chinesischen Ultras?

    Ach siehste, gute Frage! Da ich generell auch bei uns im Stadion eher selten bis gar nicht am Getränkestand oder Grill bin, hab ich da überhaupt nicht drauf geachtet. Da werd ich beim nächsten mal ein Auge drauf werfen :)